„Housing First“ als Modell gegen Wohnungslosigkeit

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„So wie man Schwimmen nur im Wasser wirklich lernen kann, so ist auch die Wohnung die Grundvoraussetzung zur erfolgreichen Bearbeitung von sozialen und gesundheitlichen Schwierigkeiten, die ggf. einer weitergehenden Integration in normale Lebensverhältnisse entgegenstehen.“

Prof. Dr. Busch-Geertsema, Universität Bremen

Was ist Housing First?

Das Modell „Housing First“ steht für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Wohnungslosenhilfe/Wohnungsnotfallhilfe. Im aktuellen Hilfesystem für wohnungslos gewordene oder gemachte Menschen wird mit immer differenzierteren Hilfsangeboten und Wohnformen die Wohnungslosigkeit der Menschen eher verwaltet als bekämpft. 

Das „Housing First“-Modell stellte sich in den vergangenen 30 Jahren als wirksame Hilfeform für wohnungslose Menschen mit multiplen Problemlagen heraus. Dem „Housing First“-Ansatz liegt die Vorstellung zugrunde, dass die eigene Wohnung die grundlegende Voraussetzung für die Bearbeitung der eigenen sozialen Problemlage darstellt. 

Zudem geht der „Housing First“-Ansatz davon aus, dass das Recht auf eigenen Wohnraum strikt von allen anderen Leistungen zu trennen sind: Der eigene Wohnraum ist nicht an die Mitwirkung/Beteiligung der wohnungslosen Menschen bei Hilfsangeboten geknüpft. 

Die aktuelle Wohnungslosenhilfe/Wohnungsnotfallhilfe

In der Praxis der Wohnungslosenhilfe wird der Vorstellung gefolgt, dass der Bezug einer eigenen Wohnung durch wohnungslos gewordene oder gemachte Menschen einer Vorbereitung bedürfe. Die wohnungslosen Menschen sollen demnach durch differenzierte Hilfen zu  eigenständigem Wohnen befähigt werden.

Um eine eigene abgesicherte und reguläre Wohnung beziehen zu können, werden wohnungslose Menschen mit gezielten und obligatorischen Hilfestellungen unterstützt. Dabei durchlaufen sie mehrere aufeinanderfolgende Ebenen dieses Systems: Denn verschiedene Einrichtungen und Betreuungsstufen (z.B. Notquartiere, zeitlich begrenzte und für spezifische Klientel eingerichtete Unterkünfte, betreutes Wohnen etc.) weisen einen unterschiedlichen Grad der Autonomie und Kontrolle auf. Diese müssen von wohnungslosen Menschen der Reihe nach absolviert werden. Klient:innen  werden dabei unterstützt, unabhängiges Wohnen schrittweise zu üben sowie wesentliche Themen, z.B. Schulden, Drogenkonsum oder Erwerbsarbeit, positiv zu bearbeiten.

In dem aktuell bestehenden Hilfesystem werden die wohnungslos gewordenen oder gemachten an ihrer „Wohnfähigkeit“ gemessen. Auch wenn dieser Begriff unter Beschäftigten in der Wohnungslosen-/Wohnungsnotfallhilfe meist keinen Gebrauch findet, ist er der Herangehensweise des bestehenden Hilfesystems inhärent: Das beschriebene Hilfesystem wird in der Fachsprache als sogenannter „Treatment First“-Ansatz bezeichnet und geht wie beschrieben davon aus, die wohnungslos gewordenen/gemachten Menschen durch die verschiedenen Hilfeangebote „wohnfähig“ zu machen. 

In Deutschland ist in Bezug auf den „Treatment-First“-Ansatz ein breit ausdifferenziertes Hilfsangebot entstanden. Es wird auch häufig von einer „Aufstiegsleiter“ gesprochen, von welcher die einzelnen Sprossen bis zur eigenen Wohnung erklommen werden müssen. Hinsichtlich des Aufstiegs werden  auf jeder Leitersprosse gewisse Anforderungen, wie beispielsweise die Abstinenz, an die jeweilige Person gestellt. 

Kritik an der aktuellen Wohnungslosen-/Wohnungsnotfallhilfe

Es lassen sich verschiedene Kritikpunkte hinsichtlich der aktuellen Verfahrensweise der Wohnungslosen-/Wohnungsnotfallhilfe formulieren: So wird in Frage gestellt, ob durch die befristeten Sonderwohnformen überhaupt ein kontinuierliches Wohnen „erlernt‟ werden kann. Das Wechseln zwischen den verschiedenen Wohnformen sowie die Befristung führt laut den Kritiker:innen eher zu einem Gefühl der Instabilität bei den betroffenen Personen.

Zudem wird immer mehr in Zweifel gezogen, ob ein institutionell geprägtes Hilfesystem einen wirklichen Beitrag zu dem Erlernen von „Wohnfähigkeit“ beitragen kann: Kritiker:innen hinterfragen, inwiefern das Stufenmodell die betroffenen Personen wirklich auf ein selbstständiges Wohnen vorbereitet und nicht vielmehr zu einer Hospitalisierung der wohnungslosen Menschen führt.

Die Vereinheitlichung des Hilfesystems („one size for all“) entzieht den Nutzer:innen die Entscheidungsfreiheit, eine Hilfe entsprechend ihrer Bedürfnisse zu wählen. Dieses Prinzip macht einen individuellen Hilfezuschnitt unmöglich. 

Zu kritisieren ist außerdem, dass die Bemessung der „Wohnfähigkeit“ bei den professionellen Beschäftigten verbleibt. Damit besitzen die Fachkräfte die umfassende Möglichkeit, kontrollierend und normierend auf die betroffene Person einzuwirken.

Eine weitere Kritik an dem bestehenden Ansatz ist, dass die wohnungslos gewordenen/gemachten Menschen zwar allen Anforderungen gerecht werden können, dies aber nicht das Erreichen von eigenem Wohnraum bedeuten muss. Das Erreichen der letzten Stufe kann mit einem „Flaschenhals“ verglichen werden, welcher zum Ende hin enger wird und nur wenigen Nutzer:innen des Hilfesystems den Zugang zu eigenem Wohnraum ermöglicht. Dies liegt daran, dass im Hilfesystem die äußeren Einflüsse, also der Wohnungsmarkt oder Vorbehalte von Privatvermietenden größtenteils nicht beachtet und von der Hilfe ausgeklammert werden.

Vergesellschaftung hilft bei Wohnungslosigkeit

„Housing First“ hat in anderen Ländern gute Ergebnisse erzielt und Menschen von der Straße geholt. Das Konzept ist jedoch angewiesen auf kooperierende Vermieter:innen – bisher ist die Idee in Deutschland nur schleppend als kleiner Modellversuch angelaufen. Ein großer öffentlicher Vermieter kann und soll auch hier einer Vorreiterrolle übernehmen und „Housing First“ vom Modell zur Standardpraxis machen.

Weitere Informationen, wie Vergesellschaftung gegen Wohnungslosigkeit helfen kann, findet Ihr in unserer Broschüre „Vergesellschaftung und Gemeinwirtschaft. Lösungen für die Berliner Wohnungskrise“.